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„ … dann bin ich einfach nur glücklich, Schausteller zu sein!
“ESU-Generalsekretär Steve Severeyns im Gespräch

Sein Herz schlägt für die Volksfeste und das europäische Schaustellergewerbe: Seit seinem 20. Lebensjahr ist der Belgier Steve Severeyns in der Europäischen Schausteller-Union aktiv und kämpft seitdem für die Interessen seiner Kollegen und die Sicherung der Volksfeste. Im KOMET-Gespräch erzählt der ESU-Generalsekretär über aktuelle Themen der Branche und seine Liebe zum Schaustellerberuf.
 
Steve Severeyns, seit 2012 sind Sie Generalsekretär der Europäischen Schausteller-Union. Können Sie Ihre Aufgaben kurz beschreiben?
Für mich ist es sehr wichtig, unsere nationalen Mitgliedsverbände zusammenzubringen und Informationen auszutauschen. Ich bin der Ansprechpartner für die europäischen Kollegen und Kontaktperson zum Präsidium. Meine Aufgabe ist es, die Themen, Fragen und Probleme an das Präsidium weiterzugeben und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. 

steve severeyns

Steve Severeyns ist mit Leib und Seele Schausteller
 
Stichwort: Halbzeitbilanz der Volksfestsaison 2016. Sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Verlauf?
Vor allem in diesem Jahr können wir europaweit wieder einmal feststellen, welchen großen Einfluss das Wetter auf die Volksfeste hat. Zu Beginn der Saison waren die Veranstaltungen gut besucht. Seit April hat es fast überall in Europa jedes Wochenende geregnet und das hat sich natürlich negativ ausgewirkt. Seit Juni verzeichnen wir – trotz der Fußball-Europameisterschaft – wieder mehr Besucher. Wir sind froh, dass trotz der aktuellen Krisen und politischen Entwicklungen in Europa die Menschen der Kirmes treu beleiben und ihre Traditionen pflegen. Die Volksfeste sind für die Besucher eine wichtige, verlässliche Konstante. Jedes Jahr kommt die Kirmes wieder zurück in die Stadt. Und das ist etwas, worauf sich die Leute verlassen können. 
Welche Themen beschäftigt die europäische Schaustellerbranche aktuell?
Seit April müssen in Belgien alle LKW mit einem zulässigen Gesamtgewicht von über 3,5 Tonnen mit einer funktionierenden Mautbox ausgestattet sein. Die Maut wird für die Nutzung von Autobahnen erhoben, ferner gilt sie für einige Landstraßen und Ortsstraßen. Von der neuen Regelung sind alle europäischen Schausteller, auch die belgischen Kollegen, betroffen. Die ESU setzt sich hier für Ausnahmeregelungen ein. So führen wir in der Region Wallonien Verhandlungen mit den politischen Gremien. Ziel ist ein finanzieller Ausgleich für die Schaustellerbetriebe.
Ein weiteres aktuelles Thema sind die steuerlichen Belastungen für die Schaustellerunternehmen in Europa. Die ESU kämpft seit vielen Jahren in ihren Verhandlungen in Brüssel und den nationalen Parlamenten für reduzierte Steuersätze. In Großbritannien zum Beispiel zahlen die Schausteller derzeit noch den erhöhten Umsatzsteuersatz von 20 Prozent. Doch auch hier regt sich Widerstand. Die Kollegen sind weiter in Verhandlungen mit den zuständigen Finanz- und Wirtschaftsbehörden.
Beim Thema Brexit bleiben die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen abzuwarten. Klar ist, dass der Brexit keinen Einfluss auf die Zusammenarbeit der Verbände innerhalb der ESU haben wird. Die Schausteller sind eine große europäische Familie ohne Grenzen. Wir werden uns immer gegenseitig unterstützen und helfen. 

Steve Severeyns (links) und ESU-Vizepräsident Franck Delforge auf dem Petersplatz in Rom
 
Neue Gesetze, Verordnungen und Richtlinien der Europäischen Union betreffen natürlich auch die Schausteller. Wie geht die Branche damit um? Was bedeutet das für die Arbeit der ESU?
Das ist ein schwieriges Terrain, weil EU-Richtlinien in den einzelnen Staaten nicht einheitlich übernommen werden. Nehmen wir zum Beispiel die Umsetzung der DIN EN 13814 für Fahrgeschäfte. Wir fordern hier eine europaweit einheitliche Regelung. Es kann nicht sein, dass der Schausteller in Deutschland zu etwas verpflichtet wird, was für den belgischen Kollegen nicht gilt.
Mit dem Thema Harmonisierung beschäftigt sich die ESU schon seit vielen Jahren. Das schließt auch die politische Lobbyarbeit in Brüssel und Straßburg ein. An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig es ist, dass alle Nationalverbände an einem Strang ziehen. Wir freuen uns sehr, dass seit vier Jahren die Verbände in Frankreich und Großbritannien wieder aktiv in der ESU tätig sind, so dass wir in den Gesprächen mit den EU-Einrichtungen im Namen aller europäischen Schaustellernationen auftreten und mit einer Stimme sprechen können. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass die Mitgliedsverbände alle zwei Jahre am ESU-Kongress teilnehmen, um die Gemeinsamkeit auch nach außen hin zu demonstrieren. 

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Das Präsidium mit den Vizepräsidenten Chris Piper, Charles Senn, Franck Delforge, Nicole Vermolen,
Generalsekretär Steve Severeyns und Präsident Albert Ritter (v.l.) auf dem ESU-Kongress 2016 in Lissabon
 
Die Anerkennung der traditionellen europäischen Volksfeste als immaterielles Kulturgut durch die UNESCO ist seit Jahren eine der zentralen Forderungen der ESU. Warum ist dieses Ziel so wichtig?
Volksfeste sind das beste Beispiel für gelebte europäische Kultur. Sie bringen Menschen zusammen und fördern so den europäischen Gedanken. Ob in Portugal Belgien, Deutschland oder Italien – auf den Volksfesten wird seit Jahrhunderten gefeiert und Brauchtum gelebt. Volksfestvergnügen ist grenzenlos. Dieses Stück Kulturgut muss gesichert werden. Dabei geht es uns beim Kampf um die Anerkennung als Kulturerbe nicht nur um die Zukunft der Veranstaltungen und die Sicherung unserer Arbeitsplätze, sondern auch um die Interessen unseres Publikums und den Erhalt von Traditionen.
Ein Blick in die Zukunft.
Da bin ich sehr zuversichtlich. Wenn die Rahmenbedingungen für die Schausteller stimmen und wir weiterhin mit der politischen Unterstützung rechnen können, wird sich unsere Branche positiv entwickeln. Ich sehe in allen ESU-Mitgliedsländern junge Schausteller, die heute bereit sind in neue Geschäfte zu investieren. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Was ist in ihren Augen das Schönste am Schaustellerberuf?
Es gibt da so einen Moment, wenn ich abends an meinem Fahrgeschäft stehe und sehe die Menschen, wie sie sich amüsieren, lachen und Spaß haben. Dann kümmern mich nicht Sorgen oder Probleme – dann bin ich einfach nur glücklich, Schausteller zu sein!

Steve Severeyns, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Zur Person
Steve Severeyns, geboren am 28.1.1983 in Hasselt, stammt aus einer alten belgischen Schaustellerfamilie. Er ist mit der Schaustellerin Debbie Dupont verheiratet. Die beiden haben eine Tochter. Seit seinem 20. Lebensjahr engagiert sich Steve Severeyns in der europäischen Verbandsarbeit: 2003 bis 2012 Präsident der Europäischen Schausteller Jugend-Union, 2006 bis 2012 stellvertretender ESU-Generalsekretär, seit 2012 Generalsekretär. Seit 2004 ist Steve Severeyns aktiv im belgischen Schaustellerverband La Défense des Forains Belges tätig und übt dort seit 2009 das Amt des stellvertretenden Generalsekretärs aus.